Kerzen und Wichtel

Es gibt absonderliche Verhaltensweisen, für die man einfach nichts kann. Sobald man in ein kritisches Alter kommt, ist man ihnen hilflos ausgeliefert. Nehmen wir die Dekorexie. Eine schwere Krankheit, von der überwiegend Frauen befallen werden, glaube ich. Die Dekorexie zeichnet sich dadurch aus, dass die Patientin einen interieurlastigen Lifestyleblog nach dem nächsten abonniert und bei Pinterest Bildmaterial für die Einrichtung der Häuser zusammenstellt, die sie in den kommenden Leben mal bewohnen wird. Schaut sie Filme, gerät die Patientin kaum noch aufgrund der Darsteller in verzücktes Quietschen, sondern eher angesichts der fan-tas-tisch eingerichteten Häuser. Sogar dann, wenn sie überhaupt nicht der Häuschentyp ist, so wie ich. Ich möchte kein Haus. In diesem Leben nicht und im Traum auch nicht. Nur das von Meryl Streep in “Wenn Liebe so einfach wäre” , das würde ich sofort nehmen – allerdings nur ohne Alec Baldwin. Die an Dekorexie leidende Frau läuft also nicht mehr ganz rund und plötzlich tun es nicht mehr die süßen Weihnachtswichtel aus irgendeinem Laden, nein, jetzt müssen es dänische Wichtel sein. Die schauen zwar relativ trübsinnig drein – wahrscheinlich weil sie wissen, dass sie viel zu teuer sind und hässlich obendrein – aber dafür sind sie eben… dänisches Design halt.

Mit Wichteln habe ich’s nicht so, aber Kerzen mag ich. Tine K. allerdings war mir vorher kaum ein Begriff. Obwohl ich schon an den ersten Anzeichen beginnender Dekorexie leide und eben in Meryls Haus verliebt bin. So wie die K.’schen Duftkerzen allerdings in meinem liebsten Kramlädchen präsentiert werden, ist selbst mir klar, dass es sich dabei um etwas Besonderes handeln muss. Also schlug ich zu. Um mir mal was Gutes zu tun und mir eine besondere Kleinigkeit zu gönnen. Das Blöde an Designerstücken ist allerdings, dass sie noch viel mehr Spaß machen, wenn es ein Publikum gibt, das ebendiese Stücke bewundert. Dieses Publikum ist hier nicht vorhanden. Also muss die von der Kerze geflashte Frau – ich nämlich – ihren Mitmenschen dezent auf die Sprünge helfen. Etwa so: “Wie gefällt dir meine neue Duftkerze? Die ist von einer dänischen Designerin, die gerade schwer angesagt ist.“ Letzteres habe ich mir natürlich aus den Fingern gesogen, weil ich ja gar nicht weiß, ob die Designerin gerade schwer angesagt ist, ich vermute es einfach nur, weil ich in gefühlt jedem Shop, der Interieur anbietet, über ihre Sachen stolpere. Weil das Publikum hier aber offenbar noch nie was von der Kunst der geschickt platzierten Nettigkeitsflunkerei gehört hat, löst eine derartige Ansage nicht die erwarteten Begeisterungsstürme aus. Sondern eher so Reaktionen, als würde ich erwähnen, dass Eleanor Roosevelt in ihrem Tagebuch notiert hatte, dass eines Tages ein Dienstmädchen in ihr Zimmer stürmte, um Mitteilung darüber zu machen, dass sich im oberen Stockwerk gerade der Geist von Abraham Lincoln die Schuhe ausziehen würde.

Na bitte. Dann eben nicht. Erfreue ich mich halt alleine an meiner Duftkerze, die – ich gebe es ungerne zu, aber so ist es leider – zwar gut riecht, aber halt auch nicht so viel besser als das duftende Pendant aus dem Supermarkt. Vielleicht muss sich meine verkorkste Nase aber auch erst ganz langsam an die guten Sachen gewöhnen. Möglicherweise könnte ihr eine Tasse Tee auf die Sprünge helfen. Tee habe ich nämlich auch gekauft. Im dekorativen Döschen. Als Geschenk. Dummerweise würde sich die Teedose ganz hervorragend in der Küche machen  und dort auch von der nötigen Renovierung ablenken. Bilde ich mir ein. Zumal “Teetrinken und abwarten” ja auch nicht die schlechteste Strategie ist. Denn wenn die Teedose leer ist, sind die dänischen Wichtel unter Umständen schon so weit, dass man ihnen auch ein paar Renovierungsarbeiten aufs Auge drücken könnte. Und dann kämen sie sogar mir ins nicht vorhandene Haus. 

 

Wichtel

Anm.: Die Wortschöpfung Dekorexie stammt leider nicht von mir, sondern von Shane Watson und sie kam mir in Brauchen Sie schon Botox oder haben Sie noch Sex unter.

Fotocredits: Grafik u. Bild erstellt mit Canva