So wirst du glücklich und erfolgreich

#kann Spuren von Ironie enthalten

Ich habe mich in den letzten Monaten okay, gelogen… es waren Jahre, aber wer gibt denn das freiwillig zu und stellt sich ohne Not so ein Armutszeugnis aus?!  ein wenig mit den Menschen beschäftigt, die anderen Menschen erklären, wie sie ihr Leben in den Griff bekommen oder lang gehegte Träume in die Tat umsetzen können. Ich habe zu Büchern gegriffen, die vom Nährwert Mehrwert her so gehaltvoll wie Toastbrot waren. Und Websites besucht, auf denen einem im Sekundentakt das angenehm zurückhaltende Design ad absurdum führende Aufforderungen um die Ohren flogen. Etwa: “Werde Teil unserer tollen Community! Hier geht’s lang!”, “Fordere dein E-Book an, gratis!!”, “Ich verrate dir mein Erfolgsgeheimnis – abonniere jetzt meinen Newsletter!!!” etc. blabla.

Dummerweise leide ich an einer schweren Holzhammer-Aversion sowie an einer heftigen Pop-up-Allergie. Das äußert sich unter anderem darin, dass ich spätestens nach dem dritten Pop-up vergesse, was mich eigentlich auf die jeweilige Seite verschlagen hat. Und anstatt zu realisieren, dass die Entfaltung meines wahren Selbst nur noch ein E-Book entfernt ist, wähne ich mich plötzlich in einem Computerspiel, in dem es lediglich darum geht, mich reaktionsschnell gegen feindliche Pop-ups zur Wehr zu setzen und meine E-Mail-Adresse mit Klauen und Zähnen zu verteidigen. So wird das natürlich nichts mit mir, meinem großartigen Leben und meinem ent-falteten Selbst – strahlend, schön, rein und weise. Und natürlich liebevoll! Ich vergaß liebevoll, denn das ist sehr wichtig. Nicht ganz so wichtig hingegen kann ich sein, dass all diese Websites und Bestseller nur mir gelten können. Oder doch?

Nein. Ich komme also zu dem Schluss, dass nur wenige von uns ihr Potenzial voll ausschöpfen, was tragisch ist. Denn wer möchte schon freiwillig unter seinen Möglichkeiten leben? Zumal es ja auch gar nicht mehr so leicht ist, einfach still und leise unter seinen Möglichkeiten zu leben! Die dafür nötige Dickfelligkeit muss man sich doch erstmal hart erarbeiten! Stumpfsinniger Fernsehkonsum ist da sehr hilfreich. Für besonders zielführend halte ich u.a. das Beobachten von Bauern, die im Container ihre Frau gegen eine insektenfressende Bachelorette eintauschen, der hinterher von Heidi die Haare verschnitten werden. Wie beim Dosenwerfen knallen einem von allen Seiten “Verwirkliche dich selbst und lebe deine Träume”-Tipps an die Rübe und “das Netz” spuckt im Minutentakt die Erfolgsstorys derer aus, die ihr Korsett gesprengt und die Businessklamotten an den Nagel gehängt haben. Lauter kleine Ent-faltete, deren wahres Selbst nun Bäume umhäkelt oder den Scherenschnitt perfektioniert hat und – quasi als Ritterschlag der Selbstverwirklichung! – in der Flow porträtiert wird. Okay, das war nicht liebevoll, sondern durch und durch giftbratzig. Shame on me.

Wünsch dir was…

Aber sagt doch mal: Seid ihr zufrieden mit eurem Leben? So richtig? Also ich meine: Lebt ihr eure Träume, folgt ihr eurem inneren Guru und gebt ihr überhaupt jedem Tag die Chance, der beste Tag eures Lebens zu werden? Nein?! Warum nicht?Ist doch heute einfacher denn je, dem Leben die entscheidende Wendung zu geben und Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen, wenn ihr sie erstmal eruiert habt. Ihr könntet beispielsweise:

  • Anderen dabei helfen, sich selbst zu verwirklichen, was dann auch eure Verwirklichung ist.
  • Als digitaler Nomade ein erfolgreiches Onlinebusiness aufziehen, das sich damit beschäftigt, anderen zu verraten, wie sie ein gigantisch gut laufendes Onlinebusiness aufziehen können, das monatlich ein fünfstelliges (passives) Einkommen abwirft, so dass der Mac [und es muss unbedingt ein Mac sein, der macht sich auf Instagram einfach besser!] nie mehr im Büro, sondern wahlweise in der Südsee, an der Ostsee oder in der heimischen Badewanne angeworfen wird. [Lässt einen atemlos zurück, nicht wahr? Und das liegt sicher nicht nur an dieser Mordsschachtelsatzkonstruktion, an der ich lange gefeilt habe.]
  • Als Mompreneur arbeiten und selbst gefilzte Deko-Objekte auf Etsy oder Dawanda verkaufen ein total erfolgreiches Onlinebusiness aus dem Boden stampfen. Ich selbst habe für einen Moment mit einem “Nettigkeiten for you”-Service geliebäugelt, weil die Welt ja immer unnetter wird und jeder jemanden haben sollte, der ihm täglich mindestens einmal versichert, dass er richtig klasse ist. Zur Wahl bei “Nettigkeiten for you” stünden anfangs kleine Komplimente für 5 ct/Stück oder große für 10 ct/Stück – alternativ ein Monatsabo, das täglich eine herzerwärmende Nettigkeit oder ein zum Weinen schönes Kompliment ins Mailfach flattern ließe.

Gut. Habt ihr euer Wunschpflänzchen mit Gewalt ans Tageslicht gezerrt? Sehr schön. Nun wird’s Zeit, den Hintern hochzubekommen. Und da, das muss ich jetzt einfach mal so sagen, obwohl mir Größenwahn sonst völlig fremd ist, habt ihr großes Glück, dass ihr mich habt. Denn ich werde euch dabei helfen, diesen Wunsch mit Leben zu füllen. Gratis. Und ihr müsst weder mein E-Book noch meinen Newsletter bestellen, weil es weder das eine noch das andere gibt. Demzufolge dürft ihr auch eure E-Mail-Adresse für euch behalten, denn da ich nicht die Absicht habe, euch wie auch immer geartete Mails zu schreiben, habe ich keine Verwendung dafür, besitze genug eigene Mailadressen.

Ich habe die Lifecoaching-Weisheit nun zwar nicht mit Löffeln gefressen, denn wenn ich das getan hätte, hätte ich ja finanziell ausgesorgt und würde meine Blogposts nicht am Wohnzimmertisch sitzend schreiben, sondern aus einer sanft schaukelnden Hängematte heraus und meine einzige Sorge wäre die, dass mir keine Kokosnuss auf den Kopf knallt. So ist es nicht und das Ding mit der nicht wie ein Damoklesschwert über mir schwebenden Kokosnuss ist wahrlich mein kleinstes Problem. Viel problematischer ist die Tatsache, dass ich alles gratis verschleudere. Allerdings bin ich ein netter Mensch, weswegen ich euch einfach kostenlos [ich will nicht immer gratis sagen und umsonst ist es ja auch nicht] an dem teilhaben lassen möchte, was andere in E-Books quetschen was ich im Rahmen jahrelanger “Tschakka! You go, girl!”-Studien aufgesogen habe und genau darum bereite ich gequirltes Blabla jetzt mal für euch auf. Also… fertig für den Erfolg? Dann schnallt euch an.

Die ultimativen 5 Tipps: So wirst DU glücklich und erfolgreich!

  • Jeder hat Talent. Ja, auch du! Ich verspreche dir: Du wurdest mit mindestens einem wunderbaren Talent gesegnet, auf das die Welt nur gewartet hat und das dich einzigartig macht. Es ist vollkommen wurscht, was du zu bieten hast – du musst nur deine Zielgruppe finden, zur Not musst du halt ein bisschen tiefer graben oder dir eine Zielgruppe backen. Du kannst die weltschönsten Sockengespenster zaubern oder monumentale Skulpturen aus Zuckerwürfeln fertigen? Du strickst an deinem Wohnzimmertisch in deiner kleinen Manufaktur  zauberhaft gemusterte Socken für Weberknechte, die mit besonderen Saugnäpfchen für besseren Halt an der Zimmerdecke ausgestattet sind? Perfekt! Für alles gibt es Liebhaber, auch wenn sie ein bisschen spinnert sind. [Wie bitte? Du hast genau das in deinem Bauchladen, was das halbe Internet vor sich herträgt? Kein Problem- such dir deine Nische und beackere das Feld so, wie es bisher noch keiner beackert hat. Wie genau dir das gelingt und wie du dein Alleinstellungsmerkmal (USP) herausarbeiten kannst, erfährst du dann in einer 100-teiligen E-Book-Serie oder im persönlichen Intensiv-Coaching für 500€/Stunde.]
  • Leidenschaft! Du musst brennen!! Immer!!! Nur bitte nicht beim Wasserlassen. Tu das, was dich glücklich macht und folge deiner Leidenschaft. Es ist nämlich beinahe schnurzpiepegal, was dort draußen gesucht wird. Wenn du vor Leidenschaft für dein Thema brennst [aber du musst wirklich brennen! Und zwar so dermaßen heiß, dass sie dich nicht mehr in die Nähe irgendwelcher Eisberge lassen, weil die auch ohne dich schon genug Probleme haben] und dabei so richtig überzeugt von dir und deiner Sache bist, dann werden andere schnell merken, dass du genau das anbietest, wonach sie ein Leben lang gesucht haben. Leidenschaft wird immer belohnt. Und wenn nicht, dann musst du dich einfach ein bisschen mehr reinhängen und noch mehr brennen- dabei aber bitte immer schön locker bleiben, sonst hast du eine Leidenschaft, die Leiden schafft, weil du ausbrennst. Braucht keiner. Will keiner. Von daher: “Gehe in das Gefängnis. Begib Dich direkt dorthin. Gehe nicht über Los. Ziehe nicht DM 4000 ein.” Das Leben ist nämlich ein Spiel und in diesem Fall ist es Monopoly.
  • Selbstzweifel? Vergiss sie. Du bist großartig! Du musst dich nur entsprechend verkaufen und das kannst du lernen – in der (Welt)Politik gibt es diesbezüglich hervorragende Beispiele, von denen du dir eine Menge abschauen kannst. Aber auch online wirst du fündig. Wirklich geschafft hast du es, wenn du total berühmt und in aller Munde bist, aber niemand so richtig weiß, was genau du eigentlich kannst oder machst. Letztendlich interessiert das allerdings auch niemanden, denn 1 Million Instagram-Follower können nicht irren. Auch die Frage, ob du in bestimmten TV-Formaten, in denen Container oder Insekten eine Rolle spielen, mitwirken möchtest, ist ein gutes Zeichen dafür, dass du auf dem richtigen Weg bist.
  • Miesmacher go home! Jemand redet dir in deine Pläne rein und bittet dich, verschiedene Dinge nochmal zu überdenken? Etwa die Sache mit den Zuckerwürfelskulpturen, die du gerne im Rahmen einer groß angelegten Open-Air-Ausstellung am Strand von St. Peter-Ording einem breiteren Publikum zugänglich machen möchtest? Vergiss diese Personen. Alle. Sage dich am besten komplett von ihnen los. Sie sind nicht an deinem Wohl interessiert. Das sind alles nur blöde Neider und fiese Miesmacher! Niemand versteht dich so gut wie dein Coach, mit dem du ohnehin am besten reden kannst. Etwa in einem dreistündigen Power-Coaching für 600€/Stunde, für das du jetzt viel Zeit hast, da du dich ja von allen Miesmachern losgesagt hast und das Ding mit den Zuckerwürfelskulpturen auch ins Wasser fiel. Kann ja keiner ahnen, dass Petrus so eine humorbefreite Miesmuschel mit einem Faible für Wetterkapriolen ist.
  • Raus aus der Komfortzone!!! Sei nicht feige – leg einfach los! Das kann ja nichts werden, wenn du deine Komfortzone nicht verlässt. Du hast eigentlich noch gar keinen richtigen Plan? Macht nichts. Fang trotzdem an. Trial an error. Dabei kannst du dir den Ruf ruinieren? Macht nichts, fang trotzdem an. Trial and error. Wie bitte? Du kannst dabei übel auf die Schnauze fallen? So richtig? Um Himmels willen, hör endlich auf zu heulen und fang an und spiel vorher noch eine Runde Ratgebertitel-Bullshitbingo! Mach es einfach! Geht nicht, gibt’s nicht! Mach dein Leben außergewöhnlich und sei einzig, nicht artig! Das Universum steht hinter dir! Wecke die Diva, die Göttin und den Löwen in dir und vertraue darauf, dass das Wunder bewirken könnte und du im inneren Reichtum ankommen wirst, der sich dann selbstverständlich auch im Außen materialisiert.

Ups… hat nicht geklappt? Shit happens. Na gut, dann leg dir bitte eine neue Persönlichkeit zu – im Internet ist alles möglich – und wenn du schön mit Photoshop und tollen Filtern arbeitest, erkennt dich hinterher nicht mal deine eigene Mutter wieder. Und nun gehst du wieder zurück zu Tipp 1, denn du weißt ja: Hinfallen, aufstehen, Krone richten und weitergehen.

Gut, hätten wir das auch geklärt. Ist doch alles ganz easy, oder? Also geht raus, erobert die Welt und schickt mir mal ne Postkarte.

[Anmerkung: Dieser Post bedeutet nicht, dass ich Coachings generell für unnötig halte. Im Gegenteil. Ich habe online durchaus einige Coaches “getroffen”, die ich sehr motivierend und in höchstem Maße inspirierend finde. Die Frage ist halt nur, wem man sich anvertrauen möchte. Gibt mir jemand, ohne mich und meine Situation zu kennen, gleich eine Glücks- u. Erfolgsgarantie oder sagt mir gar mein monatliches Einkommen nach dem Coaching voraus, dann werde ich misstrauisch. 😉 ]

Fotocredits: Grafik erstellt mit Canva