Un|Fair: Der Preis der Blue Jeans

Ohne Jeans geht bei mir nicht viel bis gar nichts. Nachdem ich mich vor einiger Zeit allerdings intensiver mit ihrer Herstellung befasste, erhielt meine Jeansliebe einen gewaltigen Dämpfer. So gewaltig, dass ich mir nicht mal mehr neue kaufen wollte – was zum Glück auch nicht nötig war. Faire oder umweltvertägliche Herstellung? Im Himmel ist Jahrmarkt und Bangladesch ist überall. Da macht es leider auch keinen Unterschied, ob ihr zum 10€-Wegwerfartikel oder der edlen Labeljeans greift- in den Drecktümpeln hinter den Fabriken vereinen sich die Farb- und Giftstoffe von “billig” und “edel” und ich muss zugeben, dass mich das am meisten ärgert. Wenn ich für eine Jeans schon mehr bezahle, dann nicht, weil man ein tolles Label draufpappt, sie irgendwelchen VIPs über den Hintern streift und die Welt mit Werbekampagnen überrollt. Sondern weil sie so hergestellt wird, dass weder Mensch noch Umwelt darunter leiden müssen.

Die Jeans-Erleuchtungs-Theorie…

Gebe zu, dass mir die Jeans-Sache [anstelle von Jeans könnt ihr natürlich auch T-Shirt, Sweatshirt, Kleid oder andere Kleidungsstücke nach Belieben einsetzen] seither quer im Magen liegt. Nun bin ich ja ein Mensch, der gerne grübelt. So Elisabeth-Gilbert-Eat-Pray-Love-mäßig. Wie stellt der “normale Mensch” einen Zusammenhang zwischen Jeans und idiotischer Grübelei … ähm… Sinnsuche her? Keine Ahnung, ich bin ja nicht normal, sondern ein bisschen verrückt. Habe daher im Rahmen einer Grübelphase meine eigene Jeans-Erleuchtungs-Theorie entwickelt und die besagt:

Solltest du dich allen Ernstes in einem Ashram oder Kloster verbuddeln wollen [nur theoretisch natürlich!], dann mach stattdessen lieber ein 14-tägiges Praktikum in einer chinesischen Jeansfabrik – alternativ in irgendeiner anderen armseligen Bekleidungsfabriken. Die Erleuchtung [Hey, dein Leben ist gar nicht so beschissen, wie du manchmal glaubst.  Das geht auch viel, viel, viel  schlimmer!] folgt auf dem Fuß und ein Taschengeld Lohn bekommst du auch noch obendrauf!

Alternative: Stell deine Jeans und die Restklamotten [natürlich inkl. der dafür nötigen Stoffe!] selbst her, dann hast du auch keine Zeit zum Grübeln und tust ein gutes Werk.

Der Mensch ist billiger als eine Maschine…

Wie kam es zu dieser Theorie? Auslöser war die Doku “Der Preis der Blue Jeans” , in der lapidar festgestellt wurde, dass der Mensch – in diesem Fall ein chinesischer Fabrikarbeiter- nun mal billiger als eine Maschine ist. Ich würde noch hinzufügen: Abhängig von der Mentalität läuft der Mensch möglicherweise auch länger als die Maschine und außerdem kann er kostengünstiger ausgemustert werden. Tritt in den Allerwertesten, zack und weg isser. Für die Maschine fallen neben den Anschaffungs- halt auch Wartungs- und/oder Reparaturkosten an und Strom frisst sie auch. Bezweifele außerdem, dass eine Maschine 30 Tage/Monat und 16 Std/Tag läuft und das umgerechnet für einen Schlag ins Gesicht von ca. 150 Euro/Monat. Die Auftraggeber [ob Ramsch- oder stylishe Billigkette, ob Versandhaus oder High Fashion, es ist alles vertreten] zahlen um die 4€ pro Jeans [in Worten: vier] und überlegen schon, ob sie nicht doch besser nach Afrika weiterziehen sollen, weil ihnen die Chinesen und auch die Inder langsam zu teuer werden.

Jeans brauchen Wasser. Viel Wasser. Das findet man in… Afrika.

Jeansproduktion in Afrika – klingt ähnlich absurd wie meine Jeans-Erleuchtungstheorie, finde ich. Aber was weiß ich schon… Andere wissen da mehr. Nämlich: Für die Herstellung einer Jeans wird Wasser benötigt. Viel Wasser. Je nach Quelle ist von 6000 – 12.000 l Wasser die Rede – pro Jeans. [1],[2],[3]. Dem gegenüber stehen 750 Millionen Menschen weltweit, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Und wie man nun auf die Idee kommt, Jeans ausgerechnet in Afrika herstellen zu wollen, zumal es da nicht nur ein Trinkwasser-, sondern auch ein  Abwasserproblem gibt – erschließt sich mir nicht … vielleicht zu lange die eigenen Farbdämpfe eingeatmet oder in den fabrikeigenen Drecktümpel gefallen? Man weiß es nicht…

Der Rote Teppich wird jetzt grün…

Hüpfen wir mal kurz an einen glamouröseren Ort. Nämlich auf den Red Carpet. Wobei ich gestehen muss, dass mich das, was auf den Roten Teppichen dieser Welt abgeht, eigentlich kalt lässt – es sei denn, Livia Firth taucht auf. Dass Colin Firth ein toller Schauspieler ist, wusste ich ja. Aber dass er eine so tolle Frau hat, wusste ich bisher noch nicht. Livia Firth setzt sich nicht nur medienwirksam für Nachhaltigkeit ein, indem sie zur Filmpremiere “The King’s Speech” in einem aus dem Anzug ihres Mannes recycelten Outfit erscheint und fortan die Roten Teppiche ergrünen lässt, indem sie nur noch im ethisch korrekten Outfit erscheint. Sie reist auch nach Bangladesch und schaut sich in den “Sweatshops” an, unter welchen Bedingungen die Näherinnen dort arbeiten. Herausgekommen ist “The True Cost”  – Der wahre Preis unserer Kleidung” [Klick zum Trailer]. Möglicherweise sind Filme wie diese (oder alleine schon die Trailer) wirksamer als jedes Minimalismus-Buch, das uns zu bewusstem Konsum bewegen möchte. Livia Firth sagte nach ihrem Einblick in die “Sweatshops”: “Danach kannst du definitiv nicht einfach nach Hause kommen und zur Tagesordnung übergehen.” Mir selbst geht es schon nach dem Anschauen des Trailers so.

Neue Jeans gefällig? Gerne. Die muss aber alt aussehen…

Ebenfalls zu denken gab mir das, was ein in der Doku “Der Preis der Blue Jeans” zu Wort kommender Designer sagte. Sinngemäß: “Der Kunde kauft ständig neue Jeans – die allerdings trägt er nicht lange. Wichtig ist, dass die neue Jeans möglichst alt aussieht.” Da sehe ich mit meinem Faible für Used-Jeans wohl ganz schön alt aus. Vielleicht wäre es Zeit, den Used-Look mal neu zu interpretieren und der Wegwerfmentalität, die sich durch alle Lebens- und Konsumbereiche zieht, zu trotzen. Mitmachen kann übrigens jeder und im Jeans-Fall ist es auch ganz leicht: Einfach die alte Jeans so lange tragen, bis sie wirklich alt aussieht und nicht gleich die nächste neue Used-Jeans kaufen. Oder in einem der zahlreichen Secondhandshops im Netz vorbeischauen. Dort gibt’s übrigens nicht nur Jeans… 😉

 

Infos & Leseklicks: 

 

 

Fotocredits: Grafik erstellt mit Canva